Eine Woche Barcelona. Eine Woche Primavera.

Nachdem Janos den Anfang gemacht hat und sein erstes Mal beschrieb, ziehe ich jetzt mit meinen PRIMAVERA SOUND 2013 Eindrücken und ein paar analogen Impressionen (ihr wisst schon.. Film und so) nach.

Bereits Ende Januar war die Vorfreude groß. Die ersten Bestätigungen fürs diesjährige Primavera flatterten rein und es war klar: Da muss man hin! Ein Highlight folgte dem anderen: My Bloody Valentine, The Jesus and Mary Chain, Nick Cave and The Bad Seeds, Blur, Wu-Tang Clan. Ist ja nicht so, dass man oft die Chance erhält, so viele Künstler auf einmal zu sehen, die alle ihren Teil zur Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte beitrugen.

Die Monate bis zum Festival vergingen rasant und von der geplanten Reisegruppe blieben letztendlich nur Janos und ich übrig. Jungfräulich und voller Elan flogen wir nun also für eine Woche nach Barcelona. Als vorbildliche deutsche Touristen wollten wir natürlich auch nichts von der Stadt verpassen und feilten demzufolge an einem ambitionierten Wochenplan.

Montag

7 Stunden Fußmarsch von Osten nach Westen.

Dienstag

4 Stunden von Norden nach Süden.

In nur kürzester Zeit hatten wir fast die ganze Stadt durchquert. Im Nachhinein fragten wir uns jedoch, wie wir auf die schwachsinnige Idee gekommen sind, uns vor einem so riesigen Festival wie dem Primavera Sound einer solchen Tortur auszusetzen! Spätestens am ersten Festival-Tag bedankten sich unsere Füße in Form von quälenden Schmerzen. Der harte Betonboden des Geländes schaffte auch nicht wirklich Linderung. Primavera Regel Nummer 1: Nimm die U-Bahn, wenn du dir vorher die Stadt ansiehst!

Mittwoch

Der erste Primavera Tag gestaltete sich neben der Erkundung des Areals, Abklappern von Verkaufsständen und Bands angucken jedoch auch mit Jammern und Frieren. Primavera Regel Nummer 2: Niemals Jacke, Pulli oder sonst irgendwas mit langen Ärmeln vergessen! So schön es auch ist, dass das Festival direkt am Meer liegt, desto windiger und kälter ist es vor allem abends! Leider heizten uns auch die Bands nicht wirklich ein. Guards waren eher einschläfernd als berauschend, The Vaccines waren zumindest schön anzusehen und Delorean haben zum Glück ab und an ein paar tanzbare Klassiker ausgekramt. Im Großen und Ganzen hatte ich mir jedoch mehr von den Spaniern erhofft. Weniger Gesang und mehr Beats hätten da vielleicht schon gereicht.

Donnerstag

Die schlimmsten Schmerzen waren verflogen und so gestalteten wir überschwänglich den wohl krassesten Bandplan, wie ihn nur Festival-Neulinge machen konnten. Was bedeutet 12 Stunden auf den Beinen zu sein, um sich letztendlich entkräftet in ein Taxi fallen zu lassen.
Nachdem wir aufgrund von knapper Zeitplanung und verdammt leckeren Tapas, die erste sehenswerte Band – Wild Nothing – verpasst hatten, ging es zum Konzert von Woods. Nach nur wenigen Minuten beschlossen wir allerdings, dass die live nicht unser Fall sind, und stellten uns lieber beim Bierstand an. Mit kühlem Bier in der Hand ging es nun zu Savages – der Reinkarnation von Joy Division in Frauengestalt. Die Ladies in Schwarz hätten auf jeden Fall Chancen auf einen Sieg beim Lookalike Contest. Insbesondere Sängerin Jehnny Beth, die mit ihrer Mimik und ihren Gesten unglaublich an Ian Curtis erinnert. Zumindest soweit ich das von früheren Konzertmitschnitten behaupten kann. Die Londonerinnen wurden abgelöst durch die Punkrocker METZ, die bereits mit dem ersten Song so viel Energie in ihren Auftritt steckten, dass einem nichts anderes übrig blieb als mit zu moschen. Anschließend folgten Dinosaur Jr. und Grizzly Bear, mit denen ich – im Gegensatz zu Janos – leider nicht viel anfangen kann. Die Füße schmerzten und ich hätte mich am liebsten inmitten der tausend Fans auf den Boden gesetzt. Wäre aber wahrscheinlich nicht so gut angekommen, also habe ich es lieber gelassen. Grizzly Bear hat mich am Ende dennoch mit ihrer Bühnenshow beeindruckt und J Mascis von Dinosaur Jr. mit der seit Jahren gleichbleibenden Friese.
Kurz vor 11 startete endlich mein langerwartetes Festival Highlight Deerhunter! Deren Lightshow nicht nur ein echter Hingucker war, sondern auch die Performance von Bradford Cox im Blümchenkleid seiner Omi. In gewohnter Manier gabs abschließend noch eine ohrenbetäubende Version von “Monomania”, bei der man dazu neigte kurz mal vollkommen durchzudrehen – MONO MONO MANIA MONO MONO MANIA. Wer jetzt nicht genug Gaga war, verlor die letzten übriggebliebenen Gehirnzellen bei Death Grips.
Nebenan spielten schon Phoenix, die Headliner des Abends. Unsere Aufnahmebereitschaft war zu der Zeit vollkommen am Boden, aber wir schafften es immerhin noch bis zum Schluss zu bleiben, um den Gastauftritt von J Masics zu sehen, der so gut zu Phoenix passt wie Senf zu Pommes. Aber egal, im Großen und Ganzen haben die Jungs eine schöne Show und ein absolut großartiges Bühnenbild abgeliefert. Primavera Regel Nummer 3: Übernimm dich nicht mit der Tagesplanung!

Freitag

Da wir donnerstags doch etwas übermotiviert waren, gingen wir diesen Tag ruhiger an. Kurt Vile & The Violators standen auf dem Programm und spielten als erster Act eine überdurchschnittlich lange Show von über eine Stunde. Kurts Stimme klingt live genauso wie auf dem Album und die Gitarre beherrscht er sowieso einwandfrei. Gelungener Auftritt also. Das einzige Problem mit dem er zu kämpfen hatte, war nur seine lange Mähne, die im Meereswind einfach nicht so richtig sitzen wollte. Weiter ging es zu Merchandise aus Florida, gefolgt von Om aus Kalifornien und Matthew E. White aus Virginia, von Post-Punk zu Stoner Rock zu Folk. Alle schön anzuhören, aber keine wirklichen Überraschungen, außer das Matthew E. White erst 30 ist und ich ihn locker 10 Jahre älter geschätzt hätte. Nach kleiner Verschnaufpause im Schlaraffenland (die Essensauswahl ist wirklich mächtig und es gibt Free Wifi bei den Ständen) ging es zu Jozef van Wissem & Jim Jarmusch x SQÜRL. Neben Filmedrehen kann Herr Jarmusch übrigens auch richtig gut musizieren (und sogar singen!) und versetzte das Publikum mit psychedelischen Klängen und faszinierender Lichttechnik in Trance. Benebelt schwebten wir anschließend zu The Jesus And Mary Chain, um genau im richtigen Moment “Just Like Honey” abzupassen. Danach hieß es Zeitvertreiben bis zu den sehnsüchtig erwarteten BLUR, die neben all ihren Klassiker auch einen sympathischen Auftritt hinlegten, der traurigerweise viel zu schnell vorbei war. Festivalshows sind halt manchmal doch eher supoptimal was die Zeitbegrenzung angeht – insbesondere wenn es um Lieblingsbands geht. Aber nun gut, dafür sieht man auf einem Haufen auch so viele wie nie zuvor. Weiter ging es mit The Knife und Disclosure. An letztere kann ich mich leider nicht wirklich erinnern, aber The Knife lieferten eine Tanzeinlage vom Feinsten ab. Für wahre Fans vielleicht etwas frustrierend war allerdings, dass man das schwedische Duo gerade einmal bei zwei Songs zu Gesicht bekam. Der Rest kam vom Band.

Samstag

Dieser Tag sollte das absolute Festival Highlight werden. Den Anfang machte der charmante Mac DeMarco, auf den ich mich persönlich am meisten gefreut habe. Er und seine Crew sind geborene Entertainer und das wirkt sich nicht nur auf eine irrwitzige Show aus, sondern auch auf die Laune des Publikums, die spätestens bei „My Baby’s Wearing Blue Jeans“ allesamt mitgroovten und sich in Form von Vice Roy Zigarettenschachteln bedankten, die sie auf die Bühne warfen.
Wu-Tang Clan folgten als nächstes und obwohl ich nicht der große Hip Hop Fan bin, war ich begeistert von der Truppe und wie sie die Massen, inklusive gelungenem Moshpit Aufruf, bewegten. Zusätzlich gab es noch eine DJ-Einlage der Extraklasse mit vollem Körpereinsatz durch Füße, Ellenbogen und 360 Grad Drehungen. Nach Wu-Tang gings ab zur energiegeladenen Show von Nick Cave & The Bad Seeds, die ich gerne auch aus nächster Nähe betrachtet hätte, aber dafür waren wir leider zu spät und blieben nicht lange genug, um uns durch die Massen zu kämpfen. Kurz nach Mitternacht standen nämlich schon The Babies auf dem Programm. Den krönenden Abschluss des Abends lieferten am Ende My Bloody Valentine, die ein einziges Sound-Erdbeben verursachten und wir uns nicht gewundert hätten, wenn sie samt Bühne mit einer Rakete ins All gestartet wären! Einen solchen Auftritt konnten auch Hot Chip und DJ Koze nicht toppen, mit denen wir bis in den Morgen tanzten.

Sonntag

Ausgepowert und übermüdet warfen wir alle Pläne für den Tag über Bord und blieben im Apartment, um uns schon die erste Bestätigung für das Primavera 2014 anzuhören – Neutral Milk Hotel.

Festivaltipps

Es ist wirklich schwierig alle Eindrücke und wichtige Festivalinfos in nur wenige Worte zu fassen, daher hier noch kurz ein paar Tipps, die euch vielleicht bei eurem nächsten Primavera Besuch weiterhelfen könnten.

  • Festivalbändchen am besten einen Tag vor dem Festival holen, wenn man stundenlanges Anstehen vermeiden will.
  • Das Festival geht offiziell 3 Tage (Donnerstag bis Samstag), aber man kann im Grunde die ganze Woche feiern. Am Montag und Dienstag spielen bereits kleinere Bands in der Stadt. Mittwoch beginnen dann die ersten größeren Konzerte auf dem offiziellen Gelände, die kostenlos und für jeden frei zugänglich sind. Der Sonntag läuft ähnlich ab, den ganzen Tag gibt’s gratis Musik in Parks sowie diversen Clubs.
  • Ein paar Spanischkenntnisse können beim Getränke bestellen auf dem Festival von Vorteil sein.
  • Es gibt eine unglaubliche Essenauswahl von Vegan bis Tex Mex zu Pasta Gerichten und Indisch. Man kann sogar diese kleinen asiatischen Nudelbecher aus dem Automaten ziehen, die in Nullkommanix dank heißem Wasser fertig sind. Zu meinem Bedauern war nur leider, bis auf die Crepes, nichts wirklich befriedigend. Aber ich habe auch nicht geschafft alles durchzuprobieren.
  • Wer Dixies auf Festivals nicht ausstehen kann, der kann beim Primavera unbesorgt sein, denn die Klo Landschaften vor Ort, sind die saubersten, die ich je gesehen habe. Es gibt ausreichend Papier, man kann sogar spülen und es gibt außen Waschbecken.
  • Was ich auch noch nie zuvor gesehen habe, sind aufgebaute Rampen, die Rollstuhlfahrern die Möglichkeit bieten, ihre Lieblingsbands aus nächster Nähe zu sehen.
  • Unter der Woche und Sonntag fährt die U-Bahn nur bis Mitternacht. Am Freitag bis 2 Uhr nachts und Samstags durch. Am besten ist es aber, wenn du bis 5 durchmachst, um die erste fahrende Bahn zu erwischen. Beim Primavera ist das nicht wirklich schwer, da das gesamte Festival so geplant ist, dass die Bands meistens gegen 18 Uhr beginnen und die letzten (DJ-)Acts irgendwann nach 5 oder 6 enden. Und noch ein Hinweis am Rande: Wer nach 3 Uhr das Gelände verlässt, darf übrigens nicht mehr rein.

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